Wärmenetze gelten als Hoffnungsträger der Energiewende – doch was auf vielen Werbeschildern grün leuchtet, ist in der Realität oft noch grau. Immer mehr Energieversorger versprechen CO2-neutrale Fernwärme, während unter der Oberfläche weiter Kohle, Gas und Öl verbrannt werden. Wie kann das sein?
Grüne Versprechen, fossile Realität
Der Energieversorger EnBW wirbt in Stuttgart mit „null CO2-Emissionen“ für seine Fernwärme. Doch laut dem kommunalen Wärmeplan von 2023 stammt der Großteil der Wärmeenergie dort noch immer aus Kohle-, Gas- und Müllkraftwerken. Dazu kommt: Auch landesweit sieht es nicht besser aus. Laut einer Analyse von SWR und Correctiv werden rund zwei Drittel der Wärme in Baden-Württemberg derzeit noch mit fossilen Brennstoffen erzeugt.
Wie passt das zur Werbung mit Klimaneutralität? Möglich macht es eine Rechenmethode: Dank sogenannter Stromgutschrift, die bei der Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) angewendet werden darf, gilt der CO2-Ausstoß rechnerisch als ausgeglichen – obwohl die Anlagen weiter fossile Brennstoffe nutzen.
Ziel 2040: Wärmenetze ohne fossile Energien
Bis zum Jahr 2040 sollen alle Wärmenetze in Baden-Württemberg vollständig mit erneuerbaren Energien oder Abwärme betrieben werden. Aktuell liegt der Anteil bei nur 12 % der Wärmeversorgung. Das bedeutet: große Infrastrukturmaßnahmen und viele neue Netze – nicht nur in Städten wie Stuttgart, sondern landesweit.
Die Wärmeplanung ist dafür Pflicht: Kommunen müssen in Wärmeplänen festlegen, wie der Umbau erfolgen soll. 40 % des gesamten Wärmebedarfs von Haushalten, Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen sollen künftig über Wärmenetze laufen. Doch wie realistisch ist das?
Hohe Kosten, große Zweifel
Der Umbau der Wärmenetze ist nicht nur technisch, sondern auch finanziell eine Mammutaufgabe. Laut einer Studie der Agora Energiewende kosten die nötigen Investitionen bundesweit rund 107 Milliarden Euro bis 2045. Dafür fehlen aber vielerorts klare Vorgaben und Finanzierungshilfen von Bund und Ländern.
Kommunen beklagen lange Genehmigungsprozesse und zu wenige verfügbare Fachkräfte. Auch Energieversorger stoßen laut KEA-BW an ihre Grenzen – sowohl beim Personal als auch beim Budget.
Wasserstoff als Hoffnungsträger?
Stuttgart setzt bei seinen Zukunftsplänen stark auf Wasserstoff: Bis 2040 soll dieser 44 % der Energie in den Netzen liefern. Doch Experten wie Matthias Neumeier von der Klima- und Energieagentur Baden-Württemberg bremsen die Euphorie. Die künftige Rolle von Wasserstoff sei noch völlig offen – vor allem wegen unsicherer Verfügbarkeit und hoher Kosten.
Landesweit liegt der geplante Wasserstoffanteil bei nur etwa 14 %. Stattdessen sollen Alternativen wie Biomasse, Geothermie, Umgebungswärme und industrielle Abwärme verstärkt genutzt werden. Derzeit kommen:
- ein Drittel der Energie aus Biomasse,
- nur 5 % aus industrieller Abwärme,
- kaum nennenswerte Anteile aus den anderen Quellen.
Der Weg zur vollständigen Klimaneutralität bleibt also noch weit – trotz grüner Gestaltung auf dem Papier.
Diese Städte zeigen, dass es auch anders geht
Nicht alle hinken der Wärmewende hinterher. In Ulm stammen bereits 63 % der Netz-Wärme aus erneuerbaren Quellen. Karlsruhe nutzte 2021 fast 50 % industrielle Abwärme – eine effizient nutzbare Energiequelle, die ohnehin entsteht und daher als klimafreundlich gilt.
Diese positiven Beispiele zeigen: Mit gezielter Planung, klarem politischen Willen und ausreichender Finanzierung kann der Wandel funktionieren.
Was das für dich bedeutet
Wenn du dich gerade fragst, ob Fernwärme eine sinnvolle Alternative zur eigenen Heizung ist, bist du nicht allein. Viele Hausbesitzer in Stuttgart berichten von hohen Kosten und langsamen Anschlussprozessen. Zwar ist der Umstieg langfristig klimafreundlich gedacht, doch der Weg ist noch steinig.
Lass dich also nicht allein von grüner Werbung blenden. Frag bei deiner Kommune nach den aktuellen Plänen, prüfe den tatsächlichen Energieträger-Mix – und behalte im Blick, ob das Netz in deiner Straße überhaupt bald verfügbar wird.
Fazit: Wärmenetze – Hoffnungsträger mit Hindernissen
Wärmenetze können helfen, unsere Städte klimaneutral zu machen. Aber aktuell stammen große Teile der Energie noch aus fossilen Quellen. Zertifizierte Klimaneutralität bedeutet häufig nur eine rechnerische Null – nicht das Ende der Emissionen.
Damit die Transformation gelingt, braucht es massive Investitionen, einen realistischen Energie-Mix und vor allem ehrliche Kommunikation. Denn die Erfahrung zeigt: Nur wenn die Bevölkerung versteht, worauf sie sich einlässt, kann die Wärmewende wirklich gelingen.




